Die Entdeckung

Es war der 17. Juli 1910: Ein denkwürdiger Tag für Obertraun und die Dachsteinhöhlen, an dem es das erste Mal gelang, den Eisabgrund, die Schlüsselstelle zur Dachstein-Rieseneishöhle zu bewältigen. Damit war die damals größte Eishöhle Europas entdeckt. Titelseiten von Tageszeitungen wurden mit Berichten über die weitere Erforschung gefüllt und der bis dahin noch wenig bekannte Ort Obertraun wurde in den Brennpunkt des journalistischen Interesses gerückt. Die Bedeutung der Höhlen um Obertraun reicht aber viel weiter zurück: Ein durchbohrter Höhlenbärenknochen, der in der Rieseneishöhle gefunden wurde, ist ein kleiner Hinweis, dass schon während der Steinzeit Menschen hier durchgezogen sind und in den Höhlen gelegentlich Unterschlupf gesucht haben. Auch aus jüngerer Zeit ist bekannt, dass die Koppenbrüllerhöhle als Versteck diente. Der Deserteur Franz Engl hielt sich hier im Jahre 1776 auf, ist überliefert. Seine Freundin, die Hofer Sef aus Obertraun, versorgte ihn mit den notwendigsten Lebensmitteln, die sie sich vom Mund absparte. Dabei erkrankte sie. Schwerkrank schleppte sie sich noch zu ihrem Franz in die Höhle, wo sie verstarb.

Die ersten Touristen kommen

Fast 50 Jahre später, um 1820, wird die Koppenbrüllerhöhle im Reiseführer von Steiner als „berühmte Schauhöhle" erwähnt. Wir dürfen aber nicht glauben, dass es sich damals um eine mit Wegen ausgebaute Schauhöhle handelte. Vielmehr ist anzunehmen, dass einheimische Bergleute manchen zahlungskräftigen Touristen in die Höhle geführt haben. Die erste wissenschaftliche Befahrung der Koppenbrüllerhöhle wurde 1869 von dem berühmten Dachsteinforscher Friedrich Simony durchgeführt. Simony machte schon um 1875 Aufnahmen vom Höhleneingang. Er beschäftigte sich auch mit den Fremdmineralien in der Höhle, den Augensteinen, die damals Anlass waren, die Theorie der Alpenentstehung neu zu überdenken. Bis zur Jahrhundertwende wurden die Höhlen sicher nur von wenigen Menschen besucht. Die Höhlen und deren Umgebung wurden aus abergläubischer Scheu gemieden.

Es dürfte um 1897 gewesen sein, als der Obertrauner Peter Gamsjäger erzählte, er habe beim Suchen seiner Ziegen auf der Schönbergalm eine Eishöhle entdeckt. Das hörte der zu dieser Zeit in Obertraun weilende Maler Alexander von Mörk. Er unternahm daraufhin mehrere Befahrungsversuche, die aber jeweils am Eisabgrund scheiterten. 1909 wurde es plötzlich wieder lebendig um die Höhlen in Obertrauns Umgebung. Die erfahrenen Linzer Höhlenforscher Georg Lahner, Josef Kling und Julius Pollak „entdeckten" die Koppenbrüllerhöhle neu. Das Interesse am Höhlenforschen erwachte und bald merkte man, dass Obertraun ein wahres Höhlen-Eldorado war.

So ist es kein Wunder, dass man sich bald wieder der Eishöhle auf der Schönbergalm erinnerte. Mehrere Versuche, in den „unheimlichen Eisabgrund" abzusteigen, scheiterten zunächst. Erst am 17. Juli 1910 gelang es dem erfahrenen Georg Lahner, den Abgrund und damit die Schlüsselstelle zu bewältigen. Die Euphorie bei der weiteren Erforschung war gewaltig und kann am besten mit Georg Lahners eigenen Worten wiedergegeben werden: „Man schritt dann durch ungeheure Räume mit überwältigenden Eismassen, die bald als kühne Riesenfiguren sich erhoben, bald in mächtigen Gletscherwellen die Flucht von Gängen und Hallen erfüllte. Man stand fasziniert unter dem Eindruck, die größte Eishöhle Europas (der Welt) entdeckt zu haben..."

Im gleichen Jahr wurde in Hallstatt ein Speläologen-Kongress einberufen. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden neben der Eishöhle mehrere Höhlen erforscht, z.B. die Mörkhöhle, die Petrefaktenhöhle und das Holzknechtloch. Die sensationellste Entdeckung gelang aber bei der Befahrung der sagenhaften „Windlöcher" auf der Angeralm. Eine Gruppe, unter ihnen mehrere Obertrauner, drangen in ein Riesenlabyrinth vor, das sie später „Mammuthöhle" benannten.

Bisher hatte unter den Höhlenforschern aus Linz, Wien, Graz und Obertraun beste Kameradschaft geherrscht. Nun wurde aber darangegangen, die Höhlen wirtschaftlich auszuwerten - Geld kam ins Spiel - und damit begann ein Streit, der die einstigen Kameraden für immer entzweite. Sowohl der Verein für Höhlenkunde in Österreich, als auch die Naturfreunde Linz wollten die Höhle pachten und ausbauen. Es kam auch zu einer Abspaltung einer Sektion Linz, die ebenfalls versuchte, als Pächter aufzutreten. Trotz der Streitigkeiten waren die Leistungen gerade in den folgenden Jahren ganz gewaltig: eine Unterkunftshütte auf der Schönbergalm wurde errichtet, und in der Eishöhle wurde ein Weg gebaut. 1913 wurde der offizielle Führungsbetrieb aufgenommen, der mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges  endete.

Nach dem 1.Weltkrieg

Kaum war der Krieg vorbei, wurde wieder mit großer Aktivität an die Arbeit gegangen. Doch auch die alten Streitigkeiten lebten wieder auf, denn es schien unmöglich, die Interessen des Landes OÖ. (Standpunkt: über die oö Naturwunder bestimmen die Oberösterreicher!), des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, des Vereines für Höhlenkunde in Österreich und private Interessen, unter einen Hut zu bringen. Zunächst wurde eine „Hades-AG" gegründet, die sich hohe Ziele steckte: Vom Bau eines Höhensanatoriums wurde gesprochen, und eine Seilbahn zur Schönbergalm, die erst 35 Jahre später verwirklicht wurde, war schon damals geplant. Dem Vorhaben, den Höhlenlehm für die Phosphatgewinnung abzubauen und der Anlage eines Weges durch die Mammuthöhle durch das Militär ist es zu verdanken, dass auch in der Mammuthöhle ab 1925 ein Führungsbetrieb möglich wurde.

Der Hades AG folgte 1924 die Subterra Ges.m.b.H, bei der auch die damals schon bestehende Gemeinde Obertraun Gesellschafter war. 1925 übernahm im Einvernehmen mit der Gesellschaft die Forstverwaltung Goisern der Österreichischen Bundesforste die lokale  erwaltung des Schauhöhlenbetriebes.

1926 wurde die Koppenbrüllerhöhle neu erschlossen und für den allgemeinen Besuch eröffnet. Die Subterra ging auch daran, die schon lange geplante elektrische Beleuchtung in der Eishöhle zu installieren. Ein gewaltiges Projekt, denn damals hatte noch nicht einmal Obertraun elektrisches Licht. Die Beleuchtung wurde 1928 fertig gestellt. Das Unternehmen war aber nun derart verschuldet, dass es die Majorität der Anteile an die Österr. Bundesforste verkauften. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang in den 30er Jahren und den Wirren des 2. Weltkrieges wurden die Dachsteinhöhlen von der Dachsteinhöhlenverwaltung Goisern der Österr. Bundesforste im Jahre 1946 wieder für den Besuch geöffnet. Mit großen Mühen und Anstrengungen wurden unter der Leitung des geprüften Höhlenführers und Pächters der Schönberghütte, Roman Pilz, alle in den Jahren des Betriebsstillstandes eingetretenen Schäden behoben.

Die Entwicklung geht weiter...

1951 wurde zwischen den Österr. Bundesforsten und dem Land Oberösterreich ein Statut für den Betrieb der Dachsteinhöhlen vereinbart, welches dem Land Oberösterreich jenen Einfluss auf das Unternehmen einräumt, welcher ihm infolge der Lage der Höhlen auf oberösterreichischem Gebiet zukommt. In den letzten 44 Jahren hat sich der Schauhöhlenbetrieb in den Dachsteinhöhlen stark verändert. Besucherzahlen sind von jährlich etwa 20.000 auf 200.000 angestiegen. Dazu hat sicher die im Oktober 1951 in Betrieb genommene Seilbahn der Dachstein-Fremdenverkehrs-AG auf die Schönbergalm (Rieseneis- und Mammuthöhle) beigetragen, vor allem aber ein bestens durchgeführter Führungsbetrieb mit gut geschulten Höhlenführern auf bequemen, sicheren Wegen.

Im Herbst 1984 wurde auf der Schönbergalm von der Dachsteinhöhlen-Verwaltung der Österr. Bundesforste das im Stil einer Holzknechthütte errichtete Dachstein-Museum eröffnet. Es bietet Einblicke in die Entwicklung des Karstes und der Höhlen sowie in die Höhlenforschung. Die drei Schauhöhlen im Dachsteingebiet die Rieseneishöhle, die Mammuthöhle und die Koppenbrüllerhöhle, sind ein einmaliges Naturwunder und Erlebnis in Österreich. Sie sind daher auch für den Tourismus von überragender Bedeutung und einer der maßgeblichen Wirtschaftsfaktoren im oberen Salzkammergut und in der Gemeinde Obertraun.

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